„Welcome to Stoke-on-Trent, the World Capital of Ceramics!“

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Schüler des Ohm-Gymnasiums waren in England zu Besuch, um erneut Kontakt mit Stoke-on-Trent, der Erlanger Partnerstadt aufzunehmen.

von Svenja Belzer, Kilian Binder, Leoni Geier, Antonia Haas, Julia Herterich, Thuy-Tien Huynh, Jan Marscholik, Saskia Neuber, Julia Nguyen Dieu-Anh, Alexandros Tsiouris (Teilnehmer an der Fahrt), Vanessa Kekic (Editorin) und Ute Guthunz

Mit seinen weltbekannten Töpfereien, den „Potteries“, ist Stoke geprägt von seinem industriellen Erbe und seiner dazugehörigen Geschichte. Noch immer kennzeichnen flaschenförmige Brennöfen und die eigens für den Transport der zerbrechlichen Ware angelegten Kanäle das Bild dieser Stadt. Marken wie Wedgwood oder auch Emma Bridgewater und Royal Doulton weisen auf die Bedeutung Stokes als  „World Capital of Ceramics“ hin.
Betrachtet man die Stadt, so kann man sehen, dass sie eine „Verschmelzung“ mehrerer Städte bildet, oder wie Kilian sagte: „Es ist richtig gut, dass alle Shoppingmöglichkeiten zentriert sind.“ In Hanley nämlich, einem der sechs Distrikte, die diese sich weit in die West Midlands hinein ausbreitende Stadt heute bilden. Zusammen mit Newcastle-under-Lyme hat dieses Areal eine Bevölkerung von etwa 350.000 Einwohnern. Unter anderem wurden Edward John Smith, der Kapitän der 1912 gesunkenen Titanic, die Fußballlegende Stanley Mathews, der Trance-DJ und -Produzent Andy Moore, Schauspieler und Fotomodell Hugh Dancy und Popsänger und Entertainer Robbie Williams dort geboren. Zum 40. Geburtstag des früheren „Take That“-Sängers ist sogar eine Ausstellung im Potteries Museum and Art Gallery zu sehen ist. Außerdem ist Stoke-on-Trent seit 25 Jahren in einer Städtepartnerschaft mit Erlangen verbunden. Zwar gibt es hier immer wieder gemeinsame Aktivitäten von Stokies und Erlangern, doch zwischen unseren Schulen und den High Schools, Academies, Colleges und Independent Schools in Stoke (und dem benachbarten Newcastle-under-Lyme) hat sich nur wenig bewegt. Als im Mai 2012 der große Chor des Ohm-Gymnasiums unter der Leitung von Frau Paetzold und das damalige P-Seminar von Fr. Guthunz die Partnerstadt besuchten, um dort den Staffellauf des Olympischen Feuers mitzuerleben und Auftritte in den Schulen zu gestalten und Gespräche mit Schülergruppen und Schulleitungen zu führen, kam es zwar zu vielen herzlichen Begegnungen, doch nicht zu einem Gegenbesuch. Deswegen hat sich das P-Seminar „Partnerschule“ von Frau Guthunz nach Staffordshire begeben, um erneut in Kontakt mit Schülern und Lehrern zu treten und über die Möglichkeiten, solche Kontakte etwas zu vertiefen, zu sprechen.
Die sprichwörtliche Hilfsbereitschaft, die Petra I. Cox, die Präsidentin des Anglo German Club Staffordshire, in ihrem Buch „Why Knot Staffordshire?“ rühmt, bekam man schon bei der Ankunft mit. Andrew Briggs vom City Council hatte für uns Zimmer im Premier Inn Trentham Gardens reserviert – mit hervorragendem Frühstücksbüffet. Doch dorthin musste man erst mal kommen. Als man also mitten in der Innenstadt, in Hanley, auf dem zentralen Busbahnhof mit dem ganzen Gepäck stand und nach Buslinien suchte, die nach Trentham fahren, sprach Frau Guthunz einen der uniformiert herumstehenden Securities an, weil sonntags dort die Information geschlossen hat. Dieser Mann erkannte sofort das Problem und kümmerte sich darum, dass dieses unverzüglich behoben wurde. Nur kurze Zeit später wurde der 11-köpfigen Truppe ein eigener Stadtbus zur Verfügung gestellt, der Mensch und Gepäck direkt zum Hotel beförderte.
So viel zum ersten Kontakt mit den super offenen, freundlichen Engländern. Ein anderes Beispiel spielte sich bei unserem Besuch der „Venus Fish Bar“ mit kulinarischen Spezialitäten ab. Dieser Geheimtipp ist unter Einheimischen sehr beliebt und befindet sich direkt bei der Hanley Busstation. Das Schellrestaurant ist wohl eine der besten Anlaufstationen für den großen oder kleinen Hunger, denn es bietet für einen guten Preis eine riesige Portion „Fish&Chips“ an. Dennoch war man sehr überrascht, als die Lehrkraft von den Büffetdamen wiedererkannt wurde – denn zwei Jahre zuvor ist der gesamte Schulchor des Ohm-Gymnasium dort mehrfach hervorragend verpflegt worden. Nun wollte man also ein Foto mit uns machen und man bat jemand anderen der Gäste, uns zu fotografieren. Dieser jedoch verstand unsere Bitte ein wenig falsch und sprang spontan mit vor die Linse. Wie man also sehen kann, waren auch hier die Leute sehr offen und freundlich.
Und wenn man schon einmal dabei ist, Geschichten zu erzählen, so darf man auch nicht vergessen, die „Geldbeutelstory“ zu erzählen: Auf der Rückfahrt vom Sixth Form College nutzten wir die öffentlichen Verkehrsanbindungen, um zum Hotel zurückzugelangen. Als wir am Busbahnhof waren, um dort in den 101 nach Trentham Gardens umzusteigen, fiel einer Schülerin auf, dass ihr Geldbeutel fehlte. Nervenstark durchsuchte sie wiederholt die große Umhängetasche und alarmierte letztendlich die Lehrkraft, die sich sofort mit der Schülerin auf dem Weg zum Information Office machte, um den Geldbeutel vermisst zu melden. Doch erst wenn der Bus wieder zur Station zurückkomme, werde man wissen, ob etwas gefunden wurde. Besorgt ging man, mit der Auskunft, man solle am nächsten Morgen wiederzukommen, ins Hotel zurück. Noch am selben Abend klopfte es an der Hotelzimmertür des betroffenen Mädchens, das ahnungslos die Tür öffnete. Und schon lächelte sie ein uniformierter Freund und Helfer an und übergab der verdutzten Schülerin ihren Geldbeutel. Nichts fehlte, und die erleichterte Schülerin bedankte sich überschwänglich bei dem netten Polizisten.
Auch unsere Taxifahrten quer durch die Stadtbezirke waren interessant. Die Busverbindungen sind abends eher spärlich, und oft muss man bis zur zentralen Busstation in Hanley fahren, um dann von dort aus das nächste Ziel anzusteuern. Der Verkehr in den oft engen Straßen ist oft sehr dicht, so dass man genügend Zeit einplanen musste. Außerdem ließen es uns die Entfernungen zwischen den einzelnen Anlaufpunkten sicherer erscheinen, bei den wichtigen Terminen, zu denen wir pünktlich erscheinen wollten, mit drei Taxis oder sogar einem Minibus anzurücken. Paul, einer unserer Fahrer, hatte vor einiger Zeit sein „package“ bekommen. „They had redundancies“, erzählte er. Paul z.B. hat zwei Uniabschlüsse, einen in Physik und einen als Ingenieur, war auch einige Zeit im Ausland auf Montage. Zahlreiche Arbeitsplätze sind in unserer Partnerstadt in den letzten Jahren verloren gegangen, und die Ansiedlung neuer Betriebe ist schwierig. Auch Jugendarbeitslosigkeit ist deshalb ein großes Problem. Gleich dreimal sind wir mit Shauns Minibus gefahren. Auf der Rückfahrt von einem Schulbesuch hielt er mit der Gruppe sogar für einige Zeit vor einem Tesco, so dass sich alle mit Abendessen und Getränken versorgen konnten, und er sorgte auch nach einem Anruf auf seinem Privathandy dafür, dass wir am letzten Tag unseren National-Express-Bus zum Flughafen Manchester mit allen Gepäckstücken erreichten.
Natürlich sind wir nicht nur nach Stoke gekommen, um durch die Stadt zu fahren, sondern vor allem, um uns zwei Schulen anzusehen, an denen Deutsch unterrichtet wird, und um Leute in unserem Alter zu treffen. Gleich am ersten Nachmittag ging es für uns nach Blythe, wo Petra I. Cox für uns ein Treffen mit Mitgliedern des Anglo German Club Staffordshire und – zusammen mit ihrer ehemaligen Schülerin Chrissie Thompson – mit Kindern und Jugendlichen der Methodist Church arrangiert hatte. Leckereien und Getränke waren schon vorbereitet. In dem Raum, der mit Tischtennis-Platten und Billardtischen und einer Wii ausgestattet war, wurden wir schon erwartet und herzlich begrüßt. Am Anfang waren alle noch ein bisschen schüchtern und zurückhaltend, doch die bunten Haribo-Tüten und ein Beach-Volleyball kamen ganz gut an, und durch das gemeinsame Spielen kamen alle schnell miteinander ins Gespräch und die Zeit verging wie im Fluge. Mit dem Laptop lieferten wir noch ein paar Eindrücke von Erlangen, und das von uns mitgebrachte Fotoalbum mit Bildern aus unserer Stadt wurde herumgereicht. Dabei wurden bei einigen Erinnerungen an einen früheren Besuch wach und zumindest bei einem Ehepaar der Wunsch geweckt, Erlangen auch einmal kennenzulernen. Wir hoffen sehr, dass wir sie dann auch wirklich bei uns begrüßen können.
An unseren drei Werktagen Montag bis Mittwoch besuchten wir die Sandon High School und das Sixth Form College, letzteres gleich zweimal. Beide Schulen sind erst vor kurzem in neue Gebäude gezogen und hervorragend ausgestattet. Dass wir die beiden Schulen besuchen konnten und dort mit offenen Armen empfangen wurden, verdankten wir maßgeblich Petra I. Cox und Eleni Brammer, die alle Hebel in Bewegung gesetzt und sich mit E-Mails und Anrufen an den Schulen dafür eingesetzt hatten, dass wir dort einen Termin bekommen und Lehrer und vor allem auch Schüler treffen konnten.
In der Sandon High School wurden wir mit offenen Armen empfangen. Irene Unwin sowie Sam Tidy, Deutschlehrer an der Sandon High, und seine Schüler hatten einen Raum mit deutschen und englischen Fahnen und Fähnchen geschmückt und sogar eine Schulhausführung durch Schüler im ersten und zweiten Lernjahr vorbereitet. Sie zeigten uns das Gebäude, das nach verschiedenen Departments und Lernbereichen auch architektonisch gegliedert ist. Wir waren beeindruckt von den Fachräumen, dem Bibliotheksbereich, der großzügigen Schulkantine und einer Mehrzweckhalle, die raffiniert über zwei Stockwerke gebaut worden und erweiterbar ist.  Danach hatten wir die Chance, den etwa 25 Schülern von Sam Tidy Erlangen mit Hilfe der von uns vorbereiteten Kurzreferate vorzustellen. Wir waren sehr erfreut, dass unsere neuen Freunde so begeistert und interessiert waren, verglichen unsere Schulsysteme und ließen uns in kleinen Gruppen – auf Deutsch – Fragen stellen, die die Schüler extra vorbereitet hatten. Sie fragten nach Namen und Familie, nach unseren Hobbies und natürlich auch nach allem, was mit dem Schulleben zu tun hat. Manchmal antworteten wir aus Versehen auf Englisch. Im Anschluss gab es einen Brunch in der Schule mit super leckerem Kuchen und Sandwiches. Wir hoffen, dass sie das von uns mitgebrachte Erlanger Monopoly, ein Buch und eine DVD über unsere Region vielleicht sogar im Unterricht einsetzen können. Über das Erinnerungsgeschenk, Kugelschreiber mit dem Schulwappen und dem Namen der Schule, freuten wir uns sehr.
Nach dem Besuch des Gladstone Potteries Museum, dem Besuch des Potteries Museum and Art Gallery und einer Tour durch die Shopping Area in Hanley besuchten wir dann am nächsten Nachmittag das Sixth Form College. Das College liegt direkt neben der Staffordshire University und beeindruckt durch seine moderne Architektur. Alle Bereiche sind sehr offen gestaltet und durch große Fensterfronten transparent. Über eine Galerie gelangt man in die einzelnen Departments. Überall sind Aufenthalts- und Arbeitsbereiche für die Schüler, die hier Kurse besuchen. Petra I. Cox begleitete uns und stellte uns Colin Lindley, Lehrer für Deutsch und Französisch, Geoff Willis, Senior Area Leader, James Redmond, Head of Languages und Lehrer für Französisch und Spanisch, und Principal Paul Mangnall vor. Colin Lindley hatte bereits etwa 15 Schüler im Board Room versammelt, wo wir zuerst wieder Erlangen und die Schulen hier vorstellten und uns dann wieder in Kleingruppen über das Schulleben unterhielten.  Die Schüler führten uns anschließend durch die Schule, in der jeder Raum mit modernen Medien ausgestattet ist. Nach einer kleinen Stärkung mit Kaffee und Kuchen fragte uns Colin, ob wir vielleicht am nächsten Tag nochmal Zeit hätten. Selbstverständlich sagten wir zu und gingen am nächsten Morgen pünktlich um 8.45 Uhr in seinen 90-minütigen Deutschkurs. Die Schüler checkten mit ihren Umhängekarten, die auch Türen öffnen, an einem Lesegerät ein, und prompt erschienen ihre Bilder mit den Namen nun auf dem Bildschirm des Lehrer-PCs. So geht hier Anwesenheitskontrolle. Die Bücher wurden ausgeteilt – Texte zum Thema Rauchen. Nun arbeiteten jeweils ein Deutscher und ein Engländer zusammen. Colin, der von seinen Schülern auch mit Vornamen angesprochen wird, zeigte mit dem Smartboard eine Liste mit Vokabeln, die in einem Text gesucht und erschlossen werden mussten. Manchmal mussten wir ganz schön nachdenken, wie man eine Metapher oder eine idiomatische Wendung erklären und übersetzen kann. Genau wie in der Prüfung, die unsere englischen Partner in zwei Wochen vor sich haben, stellten die Deutschen dann Fragen und übten mit den Schülern. Beide Seiten haben miteinander und voneinander gelernt, und es hat viel Spaß gemacht. Leider ist die Zeit sehr schnell vergangen. Einige tauschten E-Mail-Adressen aus und sind auch heute noch mit ihren Partnern in Kontakt.
„It would be good to set up some kind of exchange in the future“, schrieb uns James Redmond nach dem Besuch am Sixth Form College. Und Geoff Willis drückt in seiner E-Mail die Hoffnung aus, „that we will be able to develop links between the two institutions both at student level and staff level.“ Das ist auch unser Wunsch. Wir möchten das nun langsam angehen und hoffen, bald eine kleine Gruppe von interessierten Lehrkräften und vielleicht auch Schülern bei uns in Erlangen begrüßen zu dürfen. Und noch etwas Schönes hat sich getan: Christine Conlin, die wir in Blythe kennen gelernt hatten und die an der Newcastle-under-Lyme School unterrichtet, schickte uns den Brief einer ihrer Schülerinnen zu, die hier eine Brieffreundin sucht. Wir haben schon einige interessierte Schülerinnen gefunden, die nun kurze Briefchen schreiben, die an Christine Conlin weitergeleitet werden. Und vielleicht entwickelt sich ja zwischen ihnen und Abigail und vielleicht weiteren Schülern und Schülerinnen in Newcastle-under-Lyme eine Brieffreundschaft. Das wäre ein schöner Anfang.

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