Überlebender aus Oradour

Ein Gespräch der ganz besonderen Art konnten Schülerinnen und Schüler der AbiBac-Klassen 10, 11 und 12 im Erlanger E-Werk erleben. Robert Hébras, Überlebender des NS-Massenmordes an 642 Zivilisten im französischen Oradour-sur-Glane am 10. Juni 1944, führte ein offenes Gespräch über seine schlimmen Erlebnisse in der Vergangenheit.

von Sabine Minsel

Nachdem die Schülerinnen und Schüler in dem französischen Dokumentarfilm „Une vie avec Oradour“ über die Erlebnisse von Monsieur Hébras erfahren hatten, konnten sie dem Überlebenden ihre ganz persönlichen Fragen stellen. Hébras gelang es bei dem Massenmord durch den „Tod der anderen zu überleben“, wie er selbst sagt.

Nachdem die Dorfbewohner von Oradour unter dem Vorwand, man suche in ihrem Ort nach Waffen auf dem Dorfplatz, versammelt worden waren, trennte man Männer sowie Frauen und Kinder und tötete die arglosen Dorfbewohner mit Maschinengewehren und durch das Legen von Feuer. Herr Hébras, der durch die über ihm liegenden Leichen geschützt wurde, kann sich an die genauen Abläufe des Massakers kaum noch erinnern. Er habe sich in einer Art Trancezustand befunden und könne sich auch an die Zeit nach dem Drama kaum erinnern. Er verlor bei der Katastrophe einen Großteil seiner Familie und seinen gesamten Besitz. Heute sei ihm besonders wichtig, die Erinnerung an das Geschehene aufrecht zu erhalten. Er fühle sich in der Pflicht, das Vergessen der schrecklichen Ereignisse zu verhindern. „Ich habe lange gebraucht, um über Rachegedanken hinwegzukommen und Deutschland bzw. den Deutschen verzeihen zu können. Heute bin ich froh, dass es Leute gab, die mich bei diesem langen Prozess unterstützt haben.“ Bei der Begegnung wurde deutlich, wie sehr es Robert Hébras am Herzen liegt, besonders junge Leute über die Vergangenheit aufzuklären und die europäische Integration, vor allem jedoch die deutsch-französische Freundschaft zu stärken. „Ich bin ein ganz normaler Mann, der eine Familie hat und die Gartenarbeit liebt. Traut euch ruhig, mir alle Fragen zu stellen, die euch interessieren,“ ermunterte er die Schülerinnen und Schüler zum Gespräch und Austausch. Die Fragen beantwortete er stets offen und dem Publikum zugewandt. Der ebenfalls anwesende Filmregisseur Patrick Séraudie stand ihm bei der Verständigung und in der Ergänzung seiner Ausführungen zur Seite. „Robert Hébras hat mich tief beeindruckt, deshalb habe ich mich dazu entschieden, den Dokumentarfilm über sein Leben nach Oradour zu machen.“ Beeindruckt und bewegt waren auch die anwesenden Schülerinnen und Schüler. Ihre Fragen drehten sich sowohl um die unmittelbare Situation in Oradour am 10. Juni 1944 als auch um das Weiterleben von Herrn Hébras nach seinen Erlebnissen. Sicher wird ihnen diese Begegnung noch lange im Gedächtnis bleiben. Die Vergangenheit wurde durch Robert Hébras so lebendig, dass es nicht möglich war, sich einem Gefühl von Betroffenheit zu entziehen. Dennoch gelang es dem Zeitzeugen, eine angenehme Gesprächsatmosphäre zu wahren und eine positive und zukunftsweisende Stimmung herzustellen, die es erlaubte, den Nachmittag für alle Beteiligten in guter Erinnerung zu bewahren.
Organisiert wurde die Veranstaltung von Herrn StD Klaus Mösel in Zusammenarbeit mit dem deutsch-französischen Institut Erlangen. Begleitende Lehrer waren StR Peter Lang, StRefin Sabine Minsel und StRef Martin Waizbauer.
Einige weitere Zitate:
Menschen aus der ganzen Welt in mein Dorf zu führen und ihnen dort den Ort der schrecklichen Ereignisse zu zeigen, hilft mir bei der Verarbeitung des Erlebten. Ich möchte erinnern, aber niemandem etwas vorwerfen. Die Generationen von heute sind nicht für diese Taten verantwortlich.
Nach dem Massenmord in meinem Heimatdorf arbeitete in im Widerstand und in der Armee. Besonders letztere wurde zu meiner zweiten Familie. Ich sage Ihnen ehrlich, dass ich nach diesen Erlebnissen Rache und den Kampf gesucht habe.
Ich komme nun schon seit vielen Jahren nach Nürnberg und in die Umgebung, weil mir der Kontakt mit Deutschland sehr wichtig ist.