Mehr als nur ein Weg!

santiago1

Nach einem Schuljahr Vorbereitung im Projekt-Seminar „Pilgern auf dem Jakobsweg“, in dem wir gemeinsam unser Projekt planten und organisierten, uns auf die Wegstrecke einigten, Unterkünfte buchten, nach Sponsoren suchten und uns über Galizien und den Jakobsweg informierten, ging es am 10.9. endlich los.

von Tobias Dorsch (für das Projekt-Seminar „Pilgern auf dem Jakobsweg“)

Während der Rest des Ohm-Gymnasiums schon wieder in den Schulmodus schalten musste, machten wir zwölf Schüler der 12. Klasse uns zusammen mit unseren Lehrern, Fr. Seubold und Hr. Lukas, auf nach Galizien, in den Nord-Westen Spaniens. Nach langem Flug und einstündiger Busfahrt starteten wir schließlich am Nachmittag in Sarria unseren 120 Kilometer langen Trip zum Zielort Santiago de Compostela, dem drittgrößten christlichen Pilgerziel nach Rom und Jerusalem.
Voller Elan und Neugier auf den bevorstehenden Weg brachen wir noch am selben Tag, um 17 Uhr, wenn sich die meisten anderen Pilger schon in ihrer Herberge entspannen, in Sarria auf, um die ersten 14 km zu absolvieren. Das Wetter war fantastisch, gekrönt von einem wunderschönen klaren Sternenhimmel am ersten Abend. So fielen wir nach einem gemeinsamen Abendessen in der ersten Herberge relativ schnell ins Bett, um am frühen Morgen fit zu sein für die anstehenden 23 km der zweiten Etappe.santiago2
Wir erkannten schnell, dass wir entgegen unserer Natur um 7 Uhr aufbrechen wollten, um die Einsamkeit zu genießen und der Hitze zu entgehen. Meist kamen wir so gegen 14 Uhr in den bereits gebuchten Herbergen an, die unsere Erwartungen, was Sauberkeit und Komfort angeht, zum Teil weit übertrafen. Dort nutzten wir die Zeit zum Regenerieren und sogar für Yoga.
Tag zwei und drei trieben uns bis an die Grenzen unseres Durchhaltevermögens, mit teils höllischen Schmerzen in den Beinen und Blasen an den Füßen. Doch mit dem Ziel vor Augen, und aus Mangel an Alternativen, durchstanden wir dieses Tief letztendlich doch. In unserem dritten Etappenziel Melide angekommen, probierten wir in einer für die Region typischen Pulpería, ähnlich unseren hiesigen Biergärten, die Spezialität Oktopus. Der Geruch machte manchem von uns zu schaffen.
Das Begehen des Weges war für uns alle reich an Erfahrungen. Der Wechsel zwischen dem Laufen in Gruppen und dem alleinigen Beschreiten in Stille prägte innerlich sehr. Zusätzlich machten wir auch interessante Bekanntschaften mit anderen Pilgern auf dem Weg. Ein junges Paar, aus Galizien und dem Baskenland stammend, lief den gesamten Camino Francés von knapp 800 km mit ihrem zehn Monate alten Baby auf dem Rücken. Teresa und Javier aus Zamora heirateten, zur Überraschung ihrer Freunde, die sie auf dem Weg begleiteten, in ihrem letzten Herbergsort Pedrouzo, 20 km vor Santiago.
Schließlich erreichten wir am Samstagmittag Monte de Gozo, einen tollen Aussichtspunkt mit direktem Blick auf unser Pilgerziel, die Kathedrale von Santiago de Compostela. Nach einem erfrischenden Bad standen wir nach weiteren 5 km endlich vor diesem riesigen Gebäude und ein unglaubliches Glücksgefühl machte sich breit nach so vielen zurückgelegten Kilometern, Schmerzen und wenig Schlaf. Einige von uns realisierten erst jetzt die eigentliche Tiefe des Projekts, also auch den spirituellen und religiösen Part dahinter.
Man könnte fast sagen, die Nähe des Heiligen Jakobs, Schutzpatron der Pilger und Spaniens, auf dessen Gebeinen die Kathedrale erbaut wurde, war für einige von uns spürbar. Schließlich wollte auch keiner von uns die Pilgermesse am Sonntag um 12 Uhr verpassen, zum Beten oder um dieses Bauwerk von innen auf sich wirken zu lassen. Als besonderes Highlight konnten wir am Schluss des Gottesdienstes das große Botafumeiro, Weihrauchfass, in Aktion erleben, welches nur zu besonderen Anlässen von sechs Männern bis hoch an die Decke der Kirche geschwungen wird.
Unsere Stadtführungsgruppe führte uns am Samstagabend durch die engen Gassen dieser wenn auch kleinen (knapp 100.000 Einwohner), so doch interessanten alten Stadt, die jährlich ca. 300.000 Pilger aus aller Welt empfängt. Eine Pilgerin aus unserer Gruppe feierte hier mit uns in ihren 18. Geburtstag hinein und nach einem leckeren Drei-Gänge-Menü begann eine lange Geburtstagsnacht.
Insgesamt sind wir als Gruppe über die ganze Woche sehr zusammengewachsen und haben die intensive Zeit wirklich genossen. Wir konnten unseren Horizont an neuen Orten und durch neue Menschen erweitern, entdeckten die galizische Kultur, verbesserten unsere Sprachkenntnisse, lernten uns selbst und unsere Innenwelt besser kennen und hatten dabei eine Menge Spaß.
Wer Lust hat, noch mehr über unser Projekt zu erfahren, ist herzlich eingeladen zu unserer Präsentation am Montag, den 19.11.2018, um 18:30 Uhr, in die Pausenhalle des Ohm-Gymnasiums zu kommen. Für regionale Köstlichkeiten ist gesorgt. Wir freuen uns auf Sie und euch!santiago3